S21: Fernverkehr Hui – Nahverkehr Pfui

Etwa 29 Millionen Fahrgäste nutzen täglich den Nahverkehr. Dagegen nutzen täglich nur 345 000 Fahrgäste den Fernverkehr (destatis Statistik) . In Ballungsgebieten mit guter Nahverkehrsinfrastruktur wie in Stuutgart kommen auf einen Fernreisenden mehr als 100 Reisende im Nahverkehr. Durch das Projekt S21 verschlechtert sich die bereits angespannte Situation im Nahverkehr. Speziell durch den Wegfall der Gäubahnstrecke gibt es bei Störungen im West-Ost Tunnel keine Ausweichstrecke mehr. Der S-Bahn Tunnel ist jetzt schon so überlastet, dass man die Störungen durch die bis jetzt geringe Bautätigkeit für S21 nicht abfangen konnte. Durch die Einrichtung einer Nord-Süd Tunnelquerung verbaut man sich wohl für alle Zeiten einen Ausbau der S-Bahn im Stuttgarter Stadtzentrum. (Den alten Traum, die Bundestraßen, die Stuttgart zerschneiden, unter die Erde zu verlegen, kann man damit auch gleich vergessen.) Beim sogenannten Stresstest sollte nachgewiesen werden, dass ein Zuwachs im Fernverkehr bewältigt werden kann. Für die Stuttgarter wäre aber ein Zuwachs im Nahverkehr durch den Bahnhofneubau viel wichtiger. Diesen Zuwachs wird es definitiv nicht geben. Dieser Sachverhalt wurde beim Stresstest mit Absicht gar nicht angesprochen. Die Bürgermeister und Landräte der Region Stuttgart haben diesen Sachverhalt noch gar nicht mitbekommen und streiten vehement für die Verschlechterung der Nahverkehrsinfrastruktur durch S21.

Interessant wäre es mal zu erfahren, wieviele Reisende denn täglich die Verbindung München – Stuttgart nutzen und wieviel Zeit sie wirklich von Haus zu Haus sparen. Nimmt man eine maximale Zahl von 500 000 Stuttgart-München Reisenden im Jahr an, so wird jede Fahrt mit 500 € subventioniert, wenn man annimmt, dass allein die Zinslasten und Abschreibungen im Jahr 250 Millionen € kosten. Das ist bei über 5 Milliarden geplanten und wahrscheinlich 10 Milliarden realen Kosten noch sehr niedrig geschätzt. Man macht also eine riesige Investition, um viel Geld für wenige Nutznießer ausgeben zu können.

Sinnloser kann man das Geld der Bürger wohl nicht vergraben. (Allerdings gibt es beim Bund vielfältige sinnlose Aktivitäten, die mit S21 in Wettbewerb treten).

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Think big Stuttgart!

Seit Jahren ist Stuttgart auf das Bauen als Wachstum in der Stadt fixiert. Mit typischem Stuttgarter Kleingeist wird ein Bürogebäude nach dem anderen gebaut und mit ein paar öffentlichen Gebäuden und Einkaufszentren geschmückt, als ob man nicht schon heute in Stuttgart genügend Fummel und Schuhe kaufen könnte. Als Ergänzung dieser Monostruktur sieht man dann eine IKEA Filiale in der Innenstadt. Der private Wohnungsbau war jahrelang vom Netzwerk Häussler mit seinen Unterstützern im Rathaus und Gemeinderat geprägt. Als Krönung der Tätigkeit der Betonköpfe werden nun mit S21 Milliarden im Boden versenkt.

Dabei ist allgemeiner Konsens das Wachstum und Wohlergehen der Stadt von den exzellenten Köpfen abhängen wird. Nur mit exzellenten Köpfen werden sich neue Betätigungs- und Einkommensfelder in der Stadt auftun.

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ist ein wesentlicher Innovations-Motor von Stuttgart, die technische Hochschule, in die Bedeutungslosigkeit versunken. Die beliebten Hochschulrankings und die Exzellenzunis von Schavans Gnaden sind als Gradmesser für die Qualität einer Universität sicher problematisch. Bedenklich stimmt es allerdings, wenn in einer von deutschen Personalchefs erstellten Liste der beliebtesten Universitäten die Universität Stuttgart gar nicht auftaucht. Dabei finden sich mit Karlsruhe (KIT Platz 2 und Uni), Uni Mannheim und den ehemaligen Fachhochschulen in Esslingen, Reutlingen und Pforzheim durchaus auch Institute aus dem Ländle. Die Stuttgarter Hochschule der Medien hat es immerhin auf Platz 18 geschafft. Die große Universität Stuttgart ist aber im Niemandsland, obwohl einige Institute noch immer einen sehr guten Ruf in der Industrie haben. Im Sumpf der weichen Studiengänge ist der im Neudeutsch übliche „Markenkern“ verloren gegangen. Dies hat sehr viel mit der CDU von Erwin Teufel und seiner Akademikerfeindlichkeit zu tun. Für ihn hat es ja auch gereicht, um mit der Ausbildung vom Haigerlocher Verwaltungsschüle Karriere zu machen. Erwin Teufels Generation musste auch nicht mit der globalen Konkurrenz aus China und Asien kämpfen. Es genügte ja wenn man seine Parteifreunde besiegte.

Stuttgart braucht aber dringend einige Ideen, wie man den Wohlstand in der Regionen halten will. Man kann nur hoffen, dass das Automobilumfeld weiterhin einen wesentlichen Beitrag für Stuttgarter Arbeitsplätze leistet. Das Wachstum der Autoindustrie und der Zulieferer wird aber in Zukunft wohl nicht mehr in Stuttgart stattfinden.

Anstatt sich nach spektakulären Bauprojekten zu orientieren (ist die Oper in Hamburg da ein Vorbild für Stuttgart?) sollte man sich in Stuttgart umsehen wie anderswo Stadtentwicklung ohne Beton gemacht wird oder noch besser selbst die Initiative ergreifen. Interessant ist z.B. der Plan Stadt New York auf einer großen Industriebrache eine renommierte private Hochschule anzusiedeln, die als Nukleus für Start Ups und Ansiedlung erfolgreicher Firmen dienen soll.

Bevor die Stadt den hiesigen Architekten erlaubt, die frei werdenden Flächen mit Ökohäusern für die Parkschützer und die K21 Rentner zu bebauen und sich damit die Zukunft verbaut, sollte man sich überlegen wie die Stuttgarter Bürger in 20 Jahren ihr Geld verdienen können. Wenn sich dann herausstellt, dass die Fachkräfte aus China und Indien gerne in Stuttgarts Kessel wohnen (die mögen es ja warm) und mit dem eAuto in die umliegenden Gemeinden oder mit der Bahn nach München, Frankfurt und Zürich fahren, dann kann man noch immer die jetzige Planung umsetzen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sich die Stuttgarter mit ihrem Kleinmut die Zukunft verbauen.

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