Warum Stuttgart 21 – ein EU Auftrag?

In einem Leserbrief (Stuttgarter Zeitung 9. Juli 2010) beschreibt der frühere Regierungspräsident Dr. Udo Andriof, warum das Projekt Stuttgart 21 1997 überhaupt begonnen wurde und wieviel Mühe man sich bereits damals mit der Planung gemacht hat. Auslöser sei eine europäische Richtlinie und der Bundesverkehrswegeplan (wer den wohl gemacht hat?) gewesen mit dem Ziel den Schienenverkehr leistungsfähiger zu machen und mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene zu bringen.  Die Stadt Stuttgart wurde mit dem Versprechen geködert, dass große Bahnflächen für die Stadtentwicklung umsonst frei werden würden.

Interessant ist, dass damals das gesamte Umfeld der Bahn vor der Privatisierung völlig anders als heute war. Offensichtlich hat auch niemand gefragt, ob die Zielsetzung mit dem Projekt Stuttgart 21 überhaupt erreicht werden kann. Das sieht ein Regierungspräsident als Repräsentant der Executive heute und auch damals nicht als seine Aufgabe an.

Nun ist es sicher an der Zeit, zu prüfen, wieweit die damals gesetzten Ziele mit dem jetzigen Bauvorhaben umgesetzt werden. Die Kunden des Regionalverkehrs haben vom Umbau des Bahnhofs keine Vorteile nur massive Nachteile während der Bauzeit und wahrscheinlich auch danach.

Das Projekt Stuttgart führt ganz offensichtlich nicht zu einer merkbaren Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene. Zum Glück fahren die meisten Güterzüge heute bereits um Stuttgart herum. Von Stuttgart aus sind folgende Metropolen sinnvoll mit dem Zug zu erreichen

  1. Frankfurt
  2. München
  3. Zürich (demnächst durch Gotthardtunnel nach Mailand, Florenz und Rom)
  4. Paris (weil es in Frankreich so schnell geht)

Das Stuttgart 21 Projekt führt nach Plan nur zu einer Verbesserung der Verbindung nach München.  Richtung Zürich fährt eine Zockelbahn, weil die Srecke für moderne ICEs viel zu viele Kurven hat – und sich Neigezüge als Flop herausgestellt haben. Für Güterzüge ist die Strecke völlig ungeeignet. Richtung Paris zockelt die Deutsche Bahn bis Straßburg – erst dann geht es mit dem TGV schnell voran. Auch die am stärksten genutzte Verbindung nach Frankfurt wird durch Stuttgart 21 nicht verbessert. Das wäre schon interessant weil viele Stuttgarter zum Flughafen Frankfurt wollen.

Die Verbindung Stuttgart-München wird als einzige Verbindung verbessert aber relativ selten genutzt. Wer nach Rumänien will, fährt lieber mit dem Bus, weil das billiger ist und die großen Taschen der Reisenden sowieso nicht in den ICE passen. Früher konnte man das direkt am Busbahnhof neben dem Hauptbahnhof gut beobachten. Stuttgart 21 sieht Busse gar nicht mehr vor, obwohl jetzt schon klar ist, dass die hochdefizitären Bahnlinien ausserhalb der Ballungsräume durch ein Bussystem ersetzt werden müssen. Auch Herrn Oettingers Interesse mit dem Zug nach Bukarest zu fahren, hat nach seinem Umzug nach Brüssel deutlich nachgelassen.

Geschäftsreisende fahren relativ selten mit dem Zug nach München, weil die meisten Ziele für Geschäftsreisende nicht in der Innenstadt sondern meist weit ausserhalb liegen und mit dem Auto angefahren werden müssen. Das ist in Frankfurt, Zürich und Paris anders. Geschäftsreisen gehen sehr stark zurück, weil für die Firmen Kooperation im Internet wesentlich schneller und effektiver erfolgen kann (Das konnte Herr Andriof 1997 ja nicht wissen!) Interessant wäre es mal zu erfahren, wieviele Reisende denn täglich die Verbindung München – Stuttgart nutzen und wieviel Zeit sie wirklich von Haus zu Haus sparen. Nimmt man eine maximale Zahl von 500 000 Stuttgart-München Reisenden im Jahr an, so wird jede Fahrt mit 500 € subventioniert, wenn man annimmt, dass allein die Zinslasten und Abschreibungen im Jahr 250 Millionen € kosten. Das ist bei über 5 Milliarden geplanten und wahrscheinlich 10 Milliarden realen Kosten noch sehr niedrig geschätzt. Man macht also eine riesige Investition, um viel Geld für wenige Nutznießer ausgeben zu können. Bildlich gesprochen buddelt man also ein großes Loch, damit man das Geld vergraben kann. Mit der Messe am Flughafen hat das Land ja schon ein bischen geübt. Dieses Projekt wird ja gerne als sehr erfolgreich gefeiert trotz anfänglichem Widerstand in der Bevölkerung. Tatsache ist aber, dass die Messe Stuttgart mit 61 Millionen € Umsatz bei einer Investition von einer Milliarde eine horrende Fehlinvestition ist, die laufend Folgekosten generiert. Das sollen die Bürger aber nicht sehen. Tröstlich beim Projekt Stuttgart 21 ist, dass die Bürger durch die geplanten großen Bullaugen am Bahnhof sehen können, wo ihr Geld vergraben wurde.

Wesentlich sinnvoller wäre das Geld in eine Infrastruktur für Lastwagen investiert mit Roll On/Roll Off für LKW ähnlich dem geplanten System in der Schweiz, bei dem die Transit LKWs bereits an der deutschen Grenze auf Züge verladen und durch den Gotthardtunnel nach Süden transportiert werden, um die Straßen in der Schweiz zu entlasten. Anders als bei Stuttgart 21 wurde das Projekt aber durch einen Volksentscheid abgesegnet. Offensichtlich sind viele kleine Köpfe in Summe doch schlauer als einige Großköpfe. Gerne wird auch das Stuttgarter U-Bahn Netz angeführt, bei dem auch einige Bürger gegen die Untergrund Lösung waren. Die Stuttgarter U-Bahnen werden aber im Gegensatz zur Strecke Stuttgart Ulm täglich von zigtausenden Bürgern aus Stuttgart und Umgebung genutzt (und bezahlt) und sind eine äusserst sinnvolle Investition.

Nachtrag 10.7.2010: Gute Kunde aus der Schweiz. Die Schweiz will für eine Milliarde neue Züge für die Verbesserung der Zugverbindungen in die Schweiz anschaffen, die auch auf deutschen Gleisen verkehren sollen. Die Bundesbahn will selbständig nicht investieren beteiligt sich aber an der Tochtergesellschaft mit Sitz in der Schweiz (Offensichtlich will die DB auch ihr Kapital in die Schweiz bringen!). Es ist sicher auch besser wenn die DB den Schweizern das Management der Bahnen überlässt. Auf der Strecke Frankfurt-Basel sollen dann täglich 32 (bisher 25) und München-Zürich  7 und den Blinddarm Europas, Stuttgart, werden 7 Zugpaare bedienen. Würde man der Schweizer SSB erlauben, mit den modernen Zügen auch die Strecke Stuttgart München zu bedienen, könnte man auf der alten Strecke ähnliche Reisezeiten erzielen, wie auf der geplanten Neubaustrecke. Die Schweiz hat eben eine langfristige, strategisch ausgerichtete Verkehrspolitik und nicht eine Verwaltungsgesellschaft von Schrankenwärtern.

PS Wie unprofessionell bei Stuttgart 21 gearbeitet wird zeigt schon die offizielle Webseite. Kein professioneller Web Designer würde ROT als Leitfarbe für ein solches Projekt verwenden – das weckt nur Agressionen! Vorbildlich dagegen die Gestaltung der Aktion Kopfbahnhof 21. Grün, cool und informativ.

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