In den Debatten zur EU wird von der Kanzlerin, Politikern, Wissenschaftlern, Journalisten usw immer wieder gerne behauptet, dass Deutschland am meisten von der EU und auch von der Eurozone profitiert.
Eigenartigerweise wird das aber nie durch Zahlen belegt. Zunächst muss man nach einer Messgröße suchen, die den wirtschaftlichen Gewinn eines Landes sinnvoll beschreibt. Eine geeignete Maßzahl ist z.B. der Kaufkraftstandard (KKS) – eine Größe die beschreibt, was sich ein Bürger eines Landes für den Lohn seiner Arbeit kaufen kann. Bei einigermaßen vernünftigen sozialen Verhältnissen (wenn die Oberen nicht zu viel vom BIP abgreifen) wie in Deutschland, gibt diese Maßzahl auch wider, wieviel sich der einzelne Bürger leisten kann. Eine der wenigen sinnvollen Behörden der EU, Eurostat, erstellt eine offizielle KKS Vergleichstabelle.
Ganz offensichtlich profitieren die Mitglieder nicht alle in gleichem Maße von der EU. Einige Länder haben sich aber durch geschicktes Unterminieren der europäischen Idee Vorteile verschafft. Allen voran steht wohl Luxemburg, das sich durch niedrige Steuern, Steuerpriviligien für reiche Zuzieher usw nicht nur bei EU Bürokraten beliebt macht. In Luxemburg macht man einiges um für reiche Privatpersonen, intenationale Firmen und Behörden interessant zu sein. Laxe Bankenaufsicht, wenig Regeln für Unternehmen auch beim Datenschutz und äusserste Zurückhaltung bei der Verfolgung von Wirtschaftskriminalität machen Luxemburg nicht nur bei den EU Bürokraten attraktiv. Damit ist Luxemburg in der EU mit BIP pro Kopf (in Kaufkraftstandards – Quelle Eurostat) mit 274 KKS (100 KKS ist der Durchschnitt in der EU) führend. Es ist auch eines der wenigen Länder das sich seit 1996 von 222 bis 2010 auf 274 KKS verbessern konnte. Die großen EU Länder (Deutschland, Frankreich, Italien) haben dagegen im EU Vergleich an Kaufkraft pro Kopf verloren. Insbesondere ist in Deutschland der KKS Index von 127 (1996) auf 118 (2010) gefallen. Die Aussage “ Deutschland hat von der EU am meisten profitiert“ ist also schlichtweg eine Politikerlüge! Ein geringer Trost ist es wohl dass sich auch ich in Frankreich, Italien, Japan und USA die Kaufkraft pro Kopf verringert hat. Da muss wohl irgendwie etwas beim Fortschritt durch Liberalisierung der Märkte schief gelaufen sein. Bei den Bürgern ist zumindest nicht mehr Kaufkraft angekommen.
Allerdings hat die EU ein Ziel erreicht: die kleineren EU Länder konnten ihre Kaufkraft pro Kopf (außer Griechenland) erhöhen. Die Verbesserung sind aber sehr bescheiden und die Kaufkraft deren Bürger liegt noch immer typisch unter 60% der anderen EU Länder. Die Verbesserung wurden aber wohl mehr durch den Fortschritt der Technik mit verbesserter Produktivität und privaten Investitionen erreicht als durch das segensreiche Wirken der EU Bürokraten.
Während die Politiker immer von den Segnungen ihres Wirkens schwärmen hat der größte Teil der Bürger schon länger das Gefühl, dass sich seine wirtschaftliche Position in den letzten Jahren nicht verbessert hat. Wie immer hat der Bürger wohl Recht – er weiß es nur noch nicht!
PS 26.2.2015: Hierzu passt die Meldung, dass im Jahr 2014 die reale Kaufkraft der Bürger (Reallöhne) zum ersten Mal höher ist als im Jahr 2000. Toller Erfolg, die Lohnempfänger 14 Jahre lang ruhig zu stellen!