Lehren aus der Un-Willkommenskultur nach dem Krieg

Herz_DTDie Integration der über 12 Millionen Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg wird heute von Jungbürgern gerne als Beispiel für eine gelungene Umsiedlung von Gruppen angesehen, die nie mit betroffenen Großeltern darüber gesprochen haben. In Wahrheit zeigten sich damals alle Probleme, die wir heute in den Ländern sehen aus denen die Flüchtlinge kommen. Das Elend wurde ausgelöst durch Fremdenfeindlichkeit („die Juden und die Franzosen sind schuld“) und dem Streben nach Macht („am deutschen Wesen wird die Welt genesen“) verbunden mit der Ausbeutung der zu erobernden Gebiete. Die Hauptlast des völkischen Wahsinns mussten die Deutschen tragen, die als Minderheit in Fremdgebieten im Osten angesiedelt waren. Bereits im Hitler-Stalin-Pakt wurde 1939 eine Aussiedlung der Deutschen aus den russischen Gebieten vereinbart und auch organisiert. Die Umsiedler wurden dabei natürlich auf „germanisches Erbgut“ geprüft und konnten noch relativ problemlos in Deutschland untergebracht werden.

In den letzten Tagen des Krieges wurde eine gigantische „Heim ins Reich“ Aktion gestartet. Die deutschen Minderheiten wussten genau, dass sie nach dem verlorenen Krieg in ihrer Heimat als Minderheit keine Chancen hatten und um ihr Leben fürchten mussten. Viele Deutsche haben sich nach dem Einmarsch der deutschen Armee in ihre Gastländer aktiv an Unterdrückung und Verbrechen beteiligt und fürchteten nun die Revanche. Diese „Elite“ sucht natürlich zuerst das Weite. Auf die einfachen Leute wartete vielfach der Tod und die Deportation nach Sibirien. Anfangs konnte die Nazi Verwaltung noch die Aussiedlung mit Zügen organisieren, die aber unterwegs von den Allierten beschossen wurden. Nach kurzer Zeit brach die Organisation aber zusammen und die Flüchtlinge mussten auf eigene Faust durch das Kriegsgebiet flüchten ähnlich wie heute die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten. Die Flüchtlinge kamen dabei durch Gebiete mit hilfsbereiter Bevölkerung aber auch durch Gebiete in denen ihnen niemand half z.B. in Ungarn oder Pommern.

Kamen die „Heimatvertriebenen“ dann in Deutschland an, wurden sie mit Quoten auf die Zonen verteilt. Dabei nahmen die sowjetische Zone und die amerikanische Zone den Großteil der Flüchtlinge auf. In der französischen Zone wurden Flüchtlinge offiziell gar nicht aufgenommen. Als Aufnahmelager wurden die Arbeitslager der Nazizeit genutzt. Die Baracken und das Nazi-Verwaltungspersonal wurde meist übernommen. Die Flüchtlinge wurden nun mit Quoten in die Fläche verteilt. Offene Proteste in den aufnehmenden Gemeinden gab es nicht, da die Allierten ihre Anordnungen durchsetzen konnten – häufig mit Hilfe der Altnazis, die ja eine funktionierende hierarchische Organisation perfekt beherrschten. Wohnraum wurde einfach beschlagnahmt wobei die besseren Kreise gerne einen Kellerraum oder ein Dachzimmer für eine Familie frei machten und dafür Dienstleistungen von den Flüchtlingen verlangten. Sehr schnell wollte man keine Flüchtlinge mehr. Adenauer weigerte sich z.B. Ungarndeutsche aufzunehmen, die nicht rechtzeitig vor der russischen Armee fliehen konnten. Das hat vielen das Leben in russischen Lagern in Sibirien gekostet. In die Geschichte ist Adenauer mit der gelungen Rückführung von Kriegsgefangenen eingegangen. Die „Sünden“ der Herrschenden werden eben gerne vergessen.

Die Heimatvertriebenen beherrschten alle Deutsch (oft besser als die Einheimischen) konnten mit ihrem Dialekt aber leicht als Flüchtling identifiziert werden. In der ersten Generation waren Heiraten zwischen Flüchtlingen und Einheimischen, die häufig auch noch „wuescht“ gläubig waren, selten. Arbeit für die Flüchtlinge gab es zunächst genug. Eine Schaufel reichte oft schon als Arbeitsgerät und Männern  wurde ein Stundenlohn von 80 Pfennig bezahlt (entspricht heute etwa 5.60 €). Kritisch war es für die vielen Witwen mit Kleinkindern, die vor allem in Österreich mit ihrer Witwenrente nicht leben konnten. Wer aber Witwe eines Nazi-Offiziers oder eines Nazi-Beamten war, konnte sich auch damals an der Beamtenpension erfreuen.

Die Flüchtlinge erkannten sehr schnell, dass es auf dem Land keine auskömmlichen Arbeitsplätze gab und versuchten in die Zonen und in die Städte zu kommen in denen es auch Arbeit gab. Sehr schnell entwickelte sich eine Schlepperszene, die Grenzbeamte schmierte, gefälschte Dokumente verkaufte, Transportmittel bereit stellte usw. Wer kein Geld hatte war in diesem System natürlich verloren. Hilfreich waren hier Verwandte in USA die Care Pakete und Dollar schicken konnten. Die Fabrikanten (BASF, Daimler, VW, BMW …) im Westen hatten häufig Maschinen irgendwo versteckt und konnten schnell die Produktion wieder aufnehmen. Fast alle deutschen Großfirmen sind durch das Kriegsgeschäft groß geworden. Es gab nun Arbeitsplätze aber keine Wohnungen. Viele Vertriebene waren handwerklich begabt und bauten sich Häuser in Eigenleistung. Da das Material knapp war, bauten einige Wolgadeutsche sich im Schwäbischen sogar Lehmhäuser. Die Gemeinden stellten Baugelände meist weitab der Städte zur Verfügung und so mancher Bauer machte mit seinen sauren Wiesen ein gutes Geschäft. Hatten die Heimatvertriebenen ihr Haus gebaut wurden sie vom Neid der Einheimischen verfolgt.

Die Vertriebenen waren deutsche Bürger 2. Klasse. Sie erhielten einen Vertriebenenausweis hatten aber keine reguläre deutsche Staatsangehörigkeit. Sie durften zwar in der Bundeswehr dienen, konnten aber z.B. nicht Beamte werden. Zur Erlangung der Staatsbürgerschaft musste man einen Antrag stellen und eine Kurzprüfung vor einem Beamten ablegen (der meist noch von den Nazis eingestellt worden war). Noch heute werden Deutsche mit einem Geburtsort, der ausserhalb der heutigen Grenzen Deutschlands liegt, als Bürger mit Migrationshintergrund geführt. In Stuttgart sind das etwa 45% der Bürger.

Die massive Zuwanderung von gut ausgebildeten Arbeitskräften und Unternehmern hat vor allem im damals rückständigen, ländlichen  Bayern die Industrialisierung ermöglicht. Typisch ist aber, dass in den Gebieten, die stark von der Zuwanderung profitiert haben, die Abneigung der einheimischen Bevölkerung gegen „Zugewanderte“ besonders hoch ist. Ein ähnlicher Neid-Effekt ist im Osten der Republik zu erkennen, wo die Westler auf vielen Gebieten die Führung übernommen haben.

Die Massenumsiedlung der Deutschen aus den Ostgebieten hat die Spannungen zwischen den deutschen und den anderen Volksgruppen abgebaut. Selbst die Sudetendeutschen wollen jetzt nicht mehr in ihre Heimat zurück.  Es bleiben aber noch genügend Probleme mit ethnischen Minderheiten und dominanten „Herren“ selbst in Europa übrig. Die Trennung der Tschechen und Slowaken in zwei Staaten ist noch einigermaßen gelungen während in und um Serbien noch genügend ethnisches Konfliktpotential vorhanden ist. Historische Ursache sind meist willkürlich gezogene Grenzen aus der Zeit des österreichischen Großreichs und im nahen Osten aus der Zeit der Kolonialmächte. Das eiserne Prinzip der Vereinigten Nationen, dass Staatsgrenzen unverändert bleiben müssen, verhindert sinnvolle Regelungen. Eine Neuordnung der Staatsgrenzen, die Verabschiedung von der Idee des Nationalstaates und geordnete Umsiedlung von Volksgruppen mit Vermögensausgleich wäre wohl wesentlich effizienter als ewige Kriege zur „ethnischen Säuberung“ und Millionen von Flüchtlingen, die aus den betroffenen Regionen fliehen.

Die jungen Deutschen sollten sich so schnell wie möglich mit ihren Großeltern unterhalten, die bisher meist über ihr Leid geschwiegen haben, um eine Ahnung davon zu bekommen wie zerbrechlich eine politische Ordnung sein kann, die nicht täglich verteidigt wird. In einigen Jahren wird es keine Zeitzeugen mehr geben.

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