Die digitale Strassenbahn in Stuttgart – Versagen der Industriepolitik in Baden-Württemberg

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Beim Wahlkampf in Baden-Württemberg überbieten sich die Parteien bei Versprechungen über den Breitbandausbau im Ländle. Die CDU wirft der Grünen Landesregierung massive Versäumnisse vor. Dabei hätte die CDU schon viel früher den Ausbau der digitalen Infrastruktur voran treiben können, als sie fast uneingeschränkt regierte. Die CDU hat das reichlich vorhandene Geld ähnlich wie die CSU Bayern aber lieber für Geschenke an ihre Wählerklientel und zum Aufbau einer „Finanzindustrie“ ausgegeben.

Trotzdem haben sich über Jahrzehnte zwei Schlüsseltechnologien für die Automobilindustrie in Stuttgart entwickelt, die dazu beigetragen haben, dass sich Daimler und Porsche in der Spitzengruppe der Automobilhersteller halten können.

Entscheidend für die Entwicklung der Lasertechnik war die Physik Fakultät an der Uni Stuttgart, die überragende Forschungsergebnisse lieferte sowie Forscher und Führungskräfte für die Industrie ausbildete. Die Hochschulpolitik in Baden-Württemberg, deren Schwerpunkt auf dem Ausbau der Studienplätze lag und nicht auf der Förderung von Spitzenleistung (schon CDU Ministerpräsident Teufel konnte Uni Wissenschaftler nicht leiden),  hat für den Niedergang der Physik in Stuttgart gesorgt. Zur Zeit können nicht einmal die wenigen Plätze für Studienanfänger in der Physik besetzt werden. Es gibt nur noch wenige Arbeitsplätze in der Halbleiterindustrie z.B. bei Bosch in Reutlingen (Sensoren) und bei Trumpf (Laser).

Das Zentrum für Hochleistungsrechner wurde in den 70er Jahren von einem geschäftstüchtigen griechischen Professor gegründet, der auf Rechner aus USA und nicht auf die deutschen Rechner von Telefunken und Siemens setzte. Das Zentrum hat bis heute einen guten Ruf in der Forschung und bietet seine Rechenleistung schon länger als Service (heute Cloud) für verschiedene Zweige der Industrie an. Der Druck der Industrie hat beim Land Baden-Württemberg dafür gesorgt, dass immer wieder neue leistungsfähige Hardware angeschafft werden konnte. Das Landesregierung würde viel lieber noch mehr mittelmäßige Studienplätze für die weniger begabten Kinder ihrer Wähler anbieten. Spitzenleistung wird nur verbal gefördert.

Die digitale Infrastruktur wurde  vernachlässigt. Während ich schon in den 70er Jahren über private Netze z.B.  bei IBM vom Stadtzentrum Stuttgart online arbeiten konnte, musste man zum Arbeiten mit dem Hochleistungsrechner in Vaihingen, Lochkarten und Papier transportieren. Heute transportiert man anstatt Lochkarten Festplatten zum Rechenzentrum. Man kann damit mehr Daten transportieren – schneller geht es aber nicht selbst wenn man mit der S-Bahn fährt.

Weder die Stadt Stuttgart noch das Land Baden-Württemberg haben es geschafft, ein leistungsfähiges Glasfasernetz in der Region Stuttgart aufzubauen. Dabei war die Nachrichtentechnik in Stuttgart und die Glasfasernetze von SEL einmal in Deutschland führend. Da aber keine frühen Aufträge für öffentliche Netze vergeben wurden (dabei hat Herr Mappus einmal als „Lehrling“ bei Alcatel gearbeitet), ist die Glasfaser Nachtichtentechnik in Stuttgart „verstorben“. Es gibt nur noch eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern und Ingenieuren in Stuttgart bei Alcatel-Lucent (Bell Tochter), die auf dem Gebiet der Hochgeschwindigkeitsnetze arbeiten. Einige Hochschulinstute forschen noch im Auftrag von ausländischen Firmen z.B. für Huawei.

Die Industriepolitik in Baden-Württemberg aber auch in Europa ist vorwiegend auf die Förderung der „alten“ Industrien ausgerichtet. In einem Artikel der New York Times (A Fearless Culture fuels U.S. Tech Giants) –  werden die Unterschiede der Gründer Szene in USA und in Europa analysiert. Dort werden auch die Berliner „Silicon Allee“ und das „Isar Valley“ in München erwähnt. Vom „Stuttgart Valley“ spricht da niemand. Drei der zehn größten US Firmen (Apple, Microsoft, Google) sind neu gegründete Firmen. Die deutschen Förderer sind schon froh, wenn eine neu gegründete Firma drei Jahre überlebt. Der Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg ist typisch für die Förderpolitik. Es wird ein Preisgeld von 50 000 € vergeben bei geschätzten Kosten für die Administration von > 500 000 €. Da werden unzählige Cluster und kleine Initiativen gefördert – z.B Medizintechnik in Herrn Kauders Wahlkreis in Tuttlingen. Es fehlt der Mut wirklich große Skill Zentren zu schaffen und Anreize für riskante Investitionen zu schaffen.

Ein typisches Beispiel ist das Förderprogramm Photonik, Mikroelektronik, Informationstechnik der Baden-Württemberg Stiftung, die den Erlös von 2 Milliarden € aus dem EnBW Verkauf verwaltet (eine Meisterleistung des ehemaligen CDU Ministerpräsidenten Teufel! Minsterpräsident Mappus kaufte die EnBW dann wieder zu überhöhtem Preis zurück). Es stehen 4 Millionen € für einen Zeitraum von 3 Jahren zur Verfügung. Bewerber für Fördergelder müssen sich dabei mit anderen zusammenschließen. Eine PostDoc Stelle darf maximal 65 000 €/a kosten – das Gehalt dürfte dann bei etwa 35 000 €/a liegen. Das liegt deutlich unter dem Gehalt der Verwalter aus CDU Parteikreisen. Für dieses Geld wird man wohl keine Spitzenkräfte anwerben können. Die Forschungsergebnisse gehen an die Baden-Württemberg Stiftung über. Ein innovativer Forscher muss schon mit Dummheit geschlagen sein, wenn er wegen dieser minimalen Förderung auf die Bedingungen eingeht. Es handelt sich hier ähnlich wie bei den EU Projekten um eine Langzeitförderung bequemer, sehr kooperativer „Forscher“.

Die Förderung von „Business as Usual“ reicht im Moment noch aus, um die konventionelle Fahrzeugindustrie in Baden-Württemberg zu unterstützen. Für den zu erwartenden Umbruch bei Elektrofahrzeugen und Verlagerung des Mehrwerts in Software (Apple Auto) sind unsere Investitionen in die Zukunft nicht ausreichend. Baden-Württemberg gibt im Moment für die Renten der Beamten etwa so viel Geld aus wie für Wissenschaft und Forschung. Zusätzlich wird zur Zeit sehr viel Geld in den Umweltschutz fehlgeleitet, der die Einkommen in der Zukunft nicht sichert und nicht „verkaufbar“ ist.  Mit der dadurch verursachten Deindustrialisierung geht dann der Energieverbrauch automatisch zurück und alle Deutschen sind glücklich weil sie den Anstieg der Globalen Temperatur um 16 Tage verzögert haben.

Ideen, wie man neue Technologien und neue Unternehmen fördert indem man Geld von der Spekulation in die Innovation umleitet, findet man in keinem Wahlprogramm.

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3 Antworten zu Die digitale Strassenbahn in Stuttgart – Versagen der Industriepolitik in Baden-Württemberg

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