Saubere Luft – richtig ist nicht immer wichtig

Schwarzwald

Frische Luft für Alle

Kurt Tucholski hat in seinem Gedicht Das Ideal (Video)  die perfekte Umgebung sehr schön beschrieben. Zentral Lage im Park, vorne der Kudamm, hinten Blick auf die Ostsee und die Zugspitze, viel Geld usw usw. Leider kommt Tucholski zu dem Schluss, daß man im Leben nicht alles haben kann.

Die Stuttgarter Bürger und ihre unwillkommenen Gäste aus dem Umland machen gerade diese Erfahrung. Die Angestellten der Automobilhersteller und ihrer Zulieferer möchten möglichst große, teure Autos bauen und mit Vollgas durch die Straßen der Stadt brausen.  Mindestens 80% der Stuttgarter würden da gerne mitmachen.

Den Anwohnern der im Kessel liegenden Hauptstrasse stinkt das natürlich. Sie haben aber das Pech, daß sie nicht zur herrschenden Klasse gehören und ihre grünen Freunde lieber den sinnlosen S21 Bahnhof bauen als einen Straßentunnel (der hat ja jetzt keinen Platz mehr – unten ist ja schon die Bahn!). Beim S21 Projekt erreicht das Versenken von Steuergeldern einen Höhepunkt da bleibt für die Luftreinhaltungen kein Geld übrig.

Man hat es hier typisch mit einem Problem zu tun bei dem Prioritäten gesetzt werden müssen. Ist es nun wichtiger daß die Anwohner im Stuttgarter Kessel immer frische Luft atmen können oder daß der Autos in Stuttgart jederzeit fahren oder im Stau stehen dürfen.

Die Anhänger der frischen Luft haben es geschafft in der EU ein Gesetz zu etablieren, in dem Grenzwerte für Schadstoffe definiert wurden. Wie bei vielen anderen Gesetzen wurde nicht lange analysiert ob das sinnvoll ist. Man verläßt sich da auf Experten. Die Stuttgarter waren nun so verbissen, daß sie ihre Meßstellen direkt an der Straße angebracht haben. In Rom stehen die Meßstellen meist in den Innenhöfen und machen keine Probleme obwohl man im Sommer in Rom maximal 200 Meter Sicht hat. Ähnlich ist es in den Städten der EU. Im Stuttgarter Kessel war die Lage in den 70er Jahren ähnlich wie in Rom heute. (Wie durch ein Wunder lebe ich aber noch obwohl ich in dieser Luft 10 Jahre gelebt habe). Der Römer ist traditionell zum Kompromiß bereit sonst müßte er sofort umziehen. Der Deutsche ist aber Prinzipienreiter. Schon Napoleon hat erkannt daß man gegen die Deutschen gar keinen Krieg führen muss. Man gebe den Deutschen nur eine Idee dann würden sich schon selbst bekriegen.

Als ein Reporter eine Stuttgarter Frischluftaktivistin und alleinerziehende Mutter fragte, warum sie nicht einfach umzieht, bekam er die Antwort, daß sie die Nutzung eines Automobils strikt ablehnt und nur in dieser Gegend ihre Arbeitsstelle, die KITA, Bio-Laden und ihre Umweltgruppe zu Fuß erreichen kann. Jetzt fehlt nur noch die frische Luft zum Glück.

Interessant ist, daß der Grenzwert für Feinstaub und Stickoxide auf äusserst dubiose Weise ermittelt wurde. Man hat mit Menschen leider keine langjährigen Versuche angestellt bei denen die Probanden dann eindeutig wegen Luftschverschmutzung gestorben sind. Meist fallen bei medizinischen Langzeitmessungen die Probanden aus anderen Ursachen aus z.B. Rauchen, Alkohol, Herz, Diabetes usw. Bei medizinischen Langzeitstudien zur Wirkung von Medikamenten werden deshalb die „schlechten“ Patienten in der Mitte des Tests ausgesondert. Es wird auch nicht hinterfragt ob es wirklich wünschenswert ist, daß man sehr lange lebt. Bei einem  Besuch in einem deutschen Pflegeheim könnte man auch auf andere Gedanken kommen.

Es gibt aber Hoffnung. Einige Lungenfachärzte bezweifeln die Sinnhaftigkeit der EU Grenzwerte. Das ist völlig atypisch, da sich in Deutschland Fachleute nicht in politische Diskussionen einmischen. Aus Erfahrung wissen sie, daß in der Politik  Sachargumente, die nicht die herrschende Meinung unterstützen, nicht willkommen sind.

Gleich meldet sich aber der Lobbyverband Bundesverband der Pneumologen und verkündet daß die Mehrheit ihrer Mitglieder für saubere Luft ist. Dabei wurden bei einer Online Umfrage 1208 Mitglieder angeschrieben, davon haben 435 teilgenommen. Das wird dann als die überwältigende Mehrheit der Pneumologen gewertet. Dem Ruf nach sauberer Luft kann man nur zustimmen. In der Zusammenfassung kommt dann das Eigentor.  Zitat:

– „Um unsere Atemwegspatienten bestmöglich zu schützen und die Gesundheitsrisiken der Gesamtbevölkerung zu minimieren bin ich für die Beibehaltung der bestehenden, politisch beschlossenen und gesetzlich festgelegten Grenzwerte“
– 47 % der Befragten stimmen dieser Aussage zu; 53 % lehnen die Aussage ab.

Beim Fußball würde man das Unentschieden nennen. Franz Josef Strauß hat das Problem der Lungenkranken pragmatisch und konstruktiv gelöst. Lungenkranke wurde per Krankenschein in bayrische Dörfer mit gesunder Luft geschickt. Damit wurden Arbeitsplätze für die aus der Landwirtschaft verdrängte bayrische Landbevölkerung und noch heute blühende Kurlandschaften geschaffen. Dabei ist für die Familie Strauß noch eine schöne Kuranlage in Bad Füssing abgefallen.

Eine pragmatische Lösung für die Verbesserung der Luft wäre sicher das Autofahren in den betroffenen Städten bei kritischer Wetterlage ganz zu verbieten – auch für Politiker. Der Rest der Republik könnte seine „schmutzigen“ Automobile, die im guten Glauben erworben wurden, bis zum Verkauf in Entwicklungsländer ähnlich wie die französischen 2CV Bauern benutzen.

PS Die oft zitierten strengen Abgasregeln in USA gelten nur in Kalifornien und einigen anderen Staaten in denen durch Klima und Landschaft Smog Zonen entstehen. In den meisten Staaten gilt wie in Deutschland „Freie Fahrt für freie Bürger“ möglichst mit einem mächtigen PickUp.

Die Schweiz hat die Vorgabe der EU medizinisch und physikalisch sinnvoll umgesetzt. Hier gilt die 30 mg Grenze als Mittelwert für das ganze Jahr. Das ist für die menschliche Lunge als Filter wohl sinnvoller als ein Tageshöchstwert.

 

 

 

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